Warum dich Schubladendenken ausbremst

Welche Vorstellung hast du davon, was einen echten Aussteiger auszeichnet?

  • Dass er auf jeden Fall Vegetarier ist und sich ausschließlich von Selbstgepflücktem ernährt?
  • Dass er sich von jeglichem Hab und Gut trennt und nur noch mit `nem Jutebeutel durch die Welt reist?
  • Dass er Geld für etwas Böses hält und sich ausschließlich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält?
  • Dass er alles ablehnt, was in irgendeiner Form mit irgendeinem System zu tun hat?

Bestimmt habe ich noch was Wichtiges vergessen, dann kannst du es jetzt gerne ergänzen. Aber soll ich dir was sagen?
Mir ist eine Definition von Aussteigen ziemlich wurscht.

roter Mercedes bus
Sind wir Aussteiger, weil wir in einem Bus leben?

Warum?
Weil dadurch bloß eine Schublade aufgemacht wird, in die wir jemanden quetschen können.

Genauso wie Freiheit für jeden etwas anderes bedeutet, verhält es sich nämlich auch mit dem Aussteigen.

  • Der eine hängt seine Konzernkarriere an den Nagel und wagt einen Neustart als Weinbauer in Italien.
  • Die nächste hat nach 20 Jahren Hausfrauen-Dasein Lust, jetzt einer Öko-Kommune in Portugal beizutreten.
  • Wieder ein anderer bricht sein BWL-Studium ab und reist ab sofort in einem alten Bus um die Welt.

Wer davon ist nun ein waschechter Aussteiger? Und was sind die anderen, wenn sie keine sind?
Es sind alles Menschen mit unterschiedlichen Lebensformen, nicht mehr und nicht weniger.

Wie sie sich ihren Lebensunterhalt finanzieren, sei dabei jedem selbst überlassen.

Diesen alten Mann habe ich im Baskenland kennengelernt - und die Mädels auch.
Ein Hoch auf die Unterschiede!

Wir alle denken in Schubladen

Niemand von uns kann sich davon freisprechen Vorurteile zu haben, denn nichts anderes ist Schubladendenken. Bewusst oder unbewusst wird all das, was wir tun, dadurch beeinflusst.

Der Grund liegt auf der Hand:
Andere in eine Kategorie einzuordnen, vereinfacht unseren Alltag und ist bequem.

Da erwarten wir von typischen Campern, dass sie alle freundlich zurück grüßen und hilfsbereit sind. Und von Aussteigern erwarten wir, dass sie nur von Luft und Liebe leben.

Was für ein böses Erwachen, wenn jemand diesem Bild nicht entspricht.

  • Da ist doch glatt ein Camper an mir vorbeigefahren, der nicht freudig zurück gewunken hat? Frechheit!
  • Da reist jemand zwar mit einem Rucksack um die Welt, verdient aber seinen Lebensunterhalt mit Arbeiten über das Internet? Das ist doch kein Aussteiger!

Alarm, da fällt jemand aus dem Rahmen und bedroht unsere Weltanschauung.

Anstatt in eine Abwehrhaltung zu gehen, bietet sich genau jetzt die Chance, mehr über sich selber zu erfahren und Offenheit zu lernen.

Was bringt es nämlich, sich krampfhaft an eine Aussteiger-Definition zu klammern, nur um sich dadurch von anderen abzugrenzen? Wir haben doch längst genug Trennungen im Leben, als dass wir ständig neue schaffen müssen.

Unterschiede machen das Leben bunt
Unterschiede machen das Leben bunt

Schubladendenken vernebelt deinen Blick

Egal, wie sehr wir es auch versuchen: Die Menschen lassen sich nicht einfach kategorisieren.
Nicht alle Camper sind hilfsbereit, und nicht alle Aussteiger sind Vegetarier. So ist das Leben und es hilft nichts, rein gar nichts, sich dagegen aufzulehnen.

Je mehr du es nämlich tust, umso mehr Energie verbrauchst du. Es liegt nicht in deiner oder meiner Hand, andere Menschen zu ändern.

Deutlich entspannter wird dein Leben, wenn du offen für andere Sichtweisen bist und dich nicht vor neuen Erfahrungen verschließt.
Lässt du deine Vorurteile außen vor, hast du außerdem die Chance, spannende Persönlichkeiten zu entdecken, von denen du es gar nicht erwartet hättest.

Diese Erfahrung haben wir jedenfalls schon ziemlich oft während unserer Reise gemacht, so wie bei Ali aus der Sahara oder bei Céline und Aurélien.

Raus aus der Schublade

Wir alle packen andere nicht nur in Schubladen, sondern stecken natürlich selber drin. Nicht bloß in einer, sondern direkt in ganz vielen.
Stell dir mal vor, du versuchst all den Vorstellungen anderer Leute gerecht zu werden. Ein unglaublicher Stress und dazu noch unmöglich.

Im Umkehrschluss bedeutet es eine riesige Erleichterung, wenn du genau das nicht mehr versuchst.

  • Wenn du einfach so bist, wie du sein möchtest.
  • Wenn es dir egal ist, in welche Schublade man dich steckt, weil du niemandem etwas recht machen musst.

Aus diesem Grund ist es mir egal, ob man mich als Aussteigerin, Umsteigerin oder manchmal sogar als Hippie bezeichnet.
All das lasse ich einfach so stehen und diskutiere auch nicht darüber.

Wozu? Es wäre eine bloße Schlacht mit Worten, vergeudete Zeit – für nichts.

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Nima auf Steg

Fazit

Verschwende deine wertvolle Lebenszeit nicht damit, dich oder andere in eine Schublade zu packen.

Setze dir gedanklich lieber eine Detektivmütze auf und erforsche dein Umfeld:

  • sei interessiert daran, wie andere ihr Leben gestalten,
  • höre ihnen zu,
  • sei neugierig und lass dich auf neue Gedanken ein.

So bietet dir jede Begegnung die Möglichkeit, die Welt aus einem neuen Blickwinkel zu sehen und mehr über dich selber zu erfahren.

Ich möchte mich jedenfalls lieber mit Menschen verbinden, als sie durch Vorurteile auszugrenzen – und du?

 

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10 comments

  1. Das ist was es zu jeder Diskussion benötigt wenn sie aus den Fugen zu geraten droht.
    Gewissenhaft, Philosophisch anspruchsvoll und mit dem Ziel die Denkblockaden aufzubrechen.
    Danke!
    Ich bin selbst immer mehr auf der Schiene und mag mit Mindmaps noch tiefer hinein forschen.

    „Innen arbeiten und außen reflektieren“
    Lg

  2. Jürgen & Ellen

    Das wir nun zufällig Vegetarier sind spielt hoffentlich keine Rolle! Zumindest reisen wir nicht mit Jutesack, sondern komfortabel….und das schon sehr lange.
    Nein, im Ernst, jeder sollte sein Leben leben wie er möchte. Wir kennen sehr zufriedene Daheimgebliebene, die im Hamsterrad stecken, wie es für uns nie mehr ginge!
    Wieder andere kennen wir,die leben im kleinen VW Bus oder Miniboot und sind glückliche Minimalisten, auch nix für uns, aber immer besser, als das zu kurze Leben in unglücklicher Form zu verbringen.
    Wie dem auch sei, das wichtigste ist für uns die Gesundheit und eine funktionierende Partnerschaft.

  3. Nun, der Begriff „Aussteiger“ definiert lediglich, dass man aus irgendetwas „ausgestiegen“ ist. Das bedeutet aber wiederum, dass man nach dem Ausstieg irgendwo einsteigen muss, außer beim „finalen Ausstieg“.
    Somit sind Aussteiger auch gleichzeitig Einsteiger.
    Die Gründe dafür lassen sich nicht fremdver- oder beurteilen, das muss schon jeder für sich selbst verantworten.

    Für ein glückliches Leben muss man meiner Meinung nach dann aussteigen, wenn man dort, wo man mal eingestiegen ist, kein Glück mehr findet oder der Überzeugung ist, dass ein Umstieg eine Verbesserung des empfundenen Glücks darstellt.

    Da jeder „Glücklich sein“ anders empfindet, verhält es sich hier wie mit Geschmack: Man kann nicht drüber diskutieren. 😉

    Lasst uns froh sein, dass wir alle verschieden sind. Wie langweilig wäre das Leben, wenn Alle gleich ticken würden. 😉

    LG, Pete

    • Hey Pete,
      deinem letzten Satz schließe ich mich zu 100% an. Es wäre wirklich ein Grauen, wenn uns alle das Gleiche gefallen und es keine Unterschiede gebe würde.
      Was das Diskutieren über das Aussteigen angeht, beobachte ich einige Menschen, die sich stundenlang daran festbeißen können.Da ich selber immer wieder mit diesem Begriff konfrontiert werde, wollte ich mal meine 2 Cents dazu loswerden 🙂
      Liebe Grüße
      Nima

      • Jo, schon klar, dass ihr mit diesem Begriff wohl häufiger konfrontiert werdet und das liegt leider wohl am generell vorherrschenden Schubladendenken, welches Du ja auch thematisiert hast.
        Ich find’s deppert, denn was zeichnet einen Aussteiger denn aus?
        Reicht es, zu behaupten, dass man dann ein Aussteiger ist, wenn man einen Lebensstil wählt, der nicht dem entspricht, wie es die Gesellschaft im Allgemeinen vorgibt?
        Hm… Sind dann auch Superreiche „Aussteiger“?? Oder Kunstschaffende?
        Ich glaube nicht, dass das so einfach ist.

        Wenn ich mir einen Aussteiger vorstelle, sehe ich jemanden, der sich in die Tiefen der kanadischen Wälder abgesetzt hat, sich eine Holzhütte zimmert und von dem lebt, was die Natur bietet. Dieser Mensch ist ausgestiegen und kann tun und lassen was er will.
        Ihr seid in meinen Augen keine Aussteiger. Klar, ihr habt euch aus einem Hamsterrad befreit, lebt flexibel und habt keinen Chef, der euch auf der Nase herumtanzen könnte.
        Aber ihr habt dafür ein anderes Hamsterrad betreten, denn Geld verdienen müsst ihr weiterhin, Horst braucht TÜV, die Technik entsprechende Revisionen. Nahrung, medizinische Unterstützung, etc… Alles Dinge, die euch die Gesellschaften (bzw. die technischen Möglichkeiten des 21. Jh) bieten, in welchen ihr euch zum jeweiligen Zeitpunkt befindet.
        Und hierbei habt ihr sicher auch diverse Herausforderungen zu meistern.

        Wie würde es der Thailänder ausdrücken: „Same same but different.“

        Exotisch? Jo, kann man so stehen lassen. Aus Sicht der breiten Masse sicher, aber was würde der Einsiedler in den Wäldern Kanadas dazu sagen? *g*
        „Aussteiger“?? Hm… 😉

        LG, Pete

  4. Klasse Artikel! Genau dies offen sein für etwas und nicht schon urteilen oder gar berurteilen, bevor wir etwas mehr wissen. Und letztendlich wissen wir sowieso nie die ganze Wahrheit. Wir können und sollten voneinander lernen und doch auch unseren Weg gehen, den wir gehen möchten. Herzliche Grüße
    Geertje

  5. Hallo Nima, du hast wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Das schönste dabei ist, egal in welches Land du kommst, mit der Einstellung wirst du immer willkommen sein!
    Ich wünsche euch auch weiterhin gute Fahrt und nette Begegnungen.
    Gruß Dina

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