Zieh in den Van und du wirst glücklich!

Eine halbnackte Frau räkelt sich genüsslich auf einem Bett, das mit einer indisch angehauchten Decke überzogen ist. Sie hält eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand und lässt den Blick durch die geöffnete Hecktüre ihres Vans auf das Meer schweifen. Die Sonne geht gerade auf und taucht die Szene in ein romantisches Licht.

Kameraschwenk.
Steves Oberkörper ist komplett unter unserem Bus verschwunden. Seit Stunden gräbt er mit einer kleinen Schaufel Schlamm zur Seite, um Horsts Reifen freizulegen. Sein Rücken schmerzt und er ist von oben bis unten dreckverkrustet. Es regnet in Strömen und der Himmel ist tiefgrau.

Beides ist Vanlife.

Vanlife – Top oder Flop?

Was unterscheidet diese beiden Beispiele?
Mal davon abgesehen, dass ich nicht die halbnackte Frau bin, die sich lasziv auf dem Bett räkelt. Von mir möchte ich morgens lieber keine Fotos machen …

Variante 1 ist die, die besonders gut in den sozialen Medien ankommt.

Das Vanlife führt dich an faszinierende Orte. Du lernst inspirierende Menschen kennen, mit denen du dich stundenlang am Lagerfeuer tiefgründig unterhalten kannst.

Stimmt, das ist eine Seite des Vanlifes wie auch ich sie teilweise erlebe.
Nur das mit dem Lagerfeuer bekommen wir selten hin. Dafür stehen wir viel zu oft an Orten, an denen dies wegen der Waldbrandgefahr absolut untersagt ist.

Oder wir sind zu faul, um Holz zu sammeln. Oder es ist irgendwie schon so spät und wir fallen müde ins Bett.

Variante 2 ist die, die weniger Beachtung findet.

Es regnet in der dritten Woche in Folge, unsere Klamotten sind ständig klamm und der ganze Bus sieht aus wie Sau, weil die Hunde den Dreck in alle Ritzen verteilen. Ich möchte konzentriert arbeiten, aber Steve muss dringend etwas reparieren. Merle ist nicht ausgelastet und kläfft alles an, was sich bewegt.

Das ist die andere Seite der Medaille.

Mir war es schon immer wichtig, ehrlich über mein Leben im Bus zu schreiben. Dazu gehören beide Seiten, die schönen und die weniger schönen.

Vanlife – das neue Unwort

Es gibt ein paar Begriffe, die so abgenutzt sind, dass ich sie nicht mehr hören kann, geschweige denn benutzen mag. Vanlife gehört inzwischen dazu.

Es gibt Vanlife-Communities, Vanlife Ratgeber, Vanlife-Tassen und wahrscheinlich auch Vanlife-Klopapier.

Mit dem Zusatz Vanlife lässt sich gerade fast alles vermarkten. Und trotz des gelobten Minimalismus ist irgendwo im Bus auch noch Platz für das T-Shirt oder die Tasse mit den niedlichen VW Bulli drauf.

Vanlife steht für die große Freiheit und genau von der wünschen sich viele mehr.

Absolute Alleinlage in Griechenland

Das kann ich gut nachvollziehen.
Auch mich hat dieser Wunsch auf die Idee gebracht, in einen Bus zu ziehen.
Mit der neuen Freiheit kommen jedoch andere Probleme und Verpflichtungen. Du ziehst nicht einfach in den Van und ab da ist alles rosa.

Im Bus zu leben, ist kein Urlaub

Für mich ist unsere aktuelle Lebensform kein Urlaub. Wir fahren nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern leben einen mehr oder weniger normalen Alltag.

Manchmal wohnen wir auch in einer Werkstatt

Dazu gehören all die gewöhnlichen Dinge wie Wäsche zu waschen und einzukaufen, aber auch Arztbesuche. Im Bus habe ich aber nicht meinen vertrauten Haus- oder Tierarzt um die Ecke, wenn ich ihn brauche. Je nach aktuellem Standort muss ich erstmal einen finden und mich dann irgendwie mit ihm verständigen.

Und auch das Leben als Paar ist das nicht immer ein Zuckerschlecken.
Hier ist eine gute Kommunikationsfähigkeit gefragt, um Probleme anzusprechen und zu lösen.

Wir haben schon einige getroffen, denen das Leben zu zweit im Bus zu eng war. Schon nach kurzer Zeit sind sie sich gewaltig auf den Keks gegangen. Dabei hat sich das vorher doch alles so easy und romantisch angehört.

Viele stellen sich auch die Frage, wie sie mit dem Alleinsein zurechtkommen sollen. Die Lösungen dafür sehen für jeden anders aus. Ablenkung kann eine sein, sich seinen Gedanken zu stellen und sich selber besser kennenzulernen eine andere.

Es gibt Zeiten mit viel Gesellschaft

Wenn uns die Vorstellung einen Streich spielt

Ein Beispiel, das mir in dem Zusammenhang mit Vanlife immer wieder einfällt, ist das mit den süßen kleinen Hundewelpen. Es gibt zig Ratgeber, in denen zu lesen ist, was ein Welpe nach sich zieht:

  • Nächte mit zu wenig Schlaf, weil der Kleine schon im 4.00 Uhr meint, aufstehen zu wollen,
  • zerbissene Möbel, Schuhe und Kleidung,
  • zerkratze Beine und Arme von den scharfen Zähnchen,
  • weinende Kinder, die auf einmal Angst vor dem kleinen Monster mit seinen spitzen Zähnen haben,
  • Stress, weil der Knirps natürlich noch nicht alleine bleiben kann.

„Puh, so habe ich mir das nicht vorgestellt.“
Im besten Fall freuen sich die gestressten Hundeeltern trotzdem über den kleinen Racker. Im schlechtesten bereuen sie ihre Entscheidung. Sie wollten die unangenehmen Seiten im Vorfeld einfach nicht wahrhaben und werden jetzt von der Realität eingeholt.

Ähnlich sieht es mit dem Vanlife aus.
Ich kann noch so oft über die schwierigen Seiten schreiben, aber was andere für sich dabei rausziehen, liegt nicht in meiner Hand.

Wenn du dir vom Vanlife erhoffst, das ultimative Glück zu finden, kann ich dir dieses Ergebnis jedenfalls nicht versprechen.

Auch beim Leben im Bus gibt’s Probleme

Mach deine eigenen Erfahrungen

Manche Themen rund um das Leben im Bus werden derart aufgebauscht, dass ich manchmal nur mit dem Kopf schütteln kann. Bis ins kleinste Detail werden die Dinge zerkaut, anstatt sie einfach auf sich zukommen zu lassen.

Da wird doch tatsächlich darüber geschrieben, wie man sich als Frau im Intimbereich waschen kann, wenn sich Duschkopf nicht von der Wand abnehmen lässt. Ehrlich? Dazu braucht es eine Erklärung? Das macht mir schon fast Angst!

Ist es nicht genau das, was das Leben im Bus so spannend macht: die ständig neuen Herausforderungen? Dass du selber gefordert bist kreativ zu denken und Lösungen zu finden?

Vielleicht ist es auch nur das, was ich persönlich daran mag. Es wird selten langweilig, im positiven wie im negativen Sinne.

Horst wird fit gemacht

Das Bisherige mag ziemlich kritisch klingen. So negativ sehe ich das Vanlife natürlich nicht, sonst würde ich schon nicht mehr im Bus wohnen. Für mich ist es im Moment der passende Lebensstil, nicht mehr und nicht weniger.

Ob es auch für dich passt, das kann ich nicht beurteilen.

Mein Tipp: probiere es einfach aus!
Lass dich auf die Erfahrungen ein und bilde dir deine eigene Meinung. Nur so findest du heraus, ob es dir gefällt oder nicht. Im Nachhinein weißt du zumindest, dass du es getestet hast.

Entschließt du dich in einen Bus zu ziehen, bist du dazu auch nicht bis zu deinem Lebensende verpflichtet. Du kannst dich jederzeit neu entscheiden und wieder in eine Wohnung ziehen, dir eine Hütte im Wald bauen oder mit ’nem Rucksack durch die Welt reisen.

Interessante Begegnungen

Wie lange wollt ihr denn noch so leben?

Keine Ahnung: solange es uns Spaß macht.
Denn trotz aller Widrigkeiten, die das Vanlife mit sich bringt, fühlen wir uns noch immer wohl. Ist das irgendwann nicht mehr der Fall, kommt was Neues.

Fazit

Im Van zu leben, ist mal aufregend, mal langweilig. Es ist mal anstrengend, mal chillig. Es gibt tolle Erfahrungen und doofe. Es kann Spaß machen oder dich auch mal ankotzen.

Stell dich am besten auf beide Seiten ein, damit liegst du goldrichtig!

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9 comments

  1. Hallo Nima.

    Schöner Artikel, den ich so nur bestätigen kann. Gerade in der letzten Zeit, wo ich mich mit Geld verdienen (unterwegs) beschäftige, komme ich in Kreise wo alles nur noch glänzt. Alles ist super, toll und ganz einfach. „Mache es genau so und Du wirst schon bald mit dem Laptop am Strand von Bali Millionen verdienen!“… Ja ne, is klar. Aber auch bei den meisten Youtube-Videos zum Thema Vanlife (:-p) ist alles total toll. Nur wenige Berichten von den Schattenseiten oder sagen wir vom „Real Vanlife“.
    Wer will schon negatives aus dem (zukünftigen) Paradiesleben hören. Die Leute wollen aus der negativen Welt entfliehen und endlich in ein Leben starten was nur positiv ist. Eine Traumwelt. Und die liefern (bzw kreieren) die meisten (Digitalen) Nomaden. Nachfrage und Angebot. Die einen wollen (nur) das hören, die anderen liefern es.

    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar 🙂
      Beim Vanlife bzw. dem Digitalen Nomadentum beißt sich die Katze in den Schwanz. Es gibt die, die alles beschönigen und die, die genau das lesen wollen. Irgendwann kommt das Erwachen und dann wird gemeckert, dass das SO aber niemand gesagt hat!
      Nichts im Leben ist nur positiv, da macht das Vanlife keine Ausnahme 🙂
      Liebe Grüße
      Nima

  2. Hallo Nima,

    Ich mag deinen Schreibstil und deine Aussagen sehr. Mein Mann und ich bereiten uns gerade auf unsere erste womo Tour vor und am allerliebsten lese ich deinen Blog. Vielen Dank, dass du uns mit deiner Ehrlichkeit und Freude unterstützt auf unseren ersten Schritten.

    Liebe Grüße
    Mimi

    • Liebe Miriam,
      das freut mich aber sehr, dass ich euch mit meinen Artikeln bei euren ersten Schritten unterstützen kann 🙂 Die Vorbereitung ist eine spannende und aufregenden Phase! Mindestens genauso viel Freude wünsche ich euch natürlich für die Tour selber 🙂

      Liebe Grüße
      Nima

  3. Hey Nima, sehe ich auch so. Alles hat 2 Seiten und wir entscheiden, was uns wichtiger ist bzw. was wir auch in Kauf nehmen wollen. Mich nervt das ganze Geposte von nur den „coolen“ Sachen sehr. Auf mich wirkt es wie reine Selbstdarstellung (vielleicht unbeabsichtigt?), deshalb schaue ich seit Monaten fast nicht mehr in die sozialen Medien rein. Beim Klettern geht das in eine ähnliche Richtung, da sind gefühlt über 80% Inhalte über Kletterer, die einen Schwierigkeitsgrad knacken oder Kletterorte. Aber Klettern ist doch viel mehr als das.
    Und bei einem anderen Lebensstil finde ich es viel authentischer und spannender, über beide Seiten zu lesen und was einen beschäftigt.

    • Hey Stefanie,
      stimmt, beim Klettern erlebe ich das auch so. Dabei weiß doch jeder von uns, dass es immer zwei Seiten gibt. Diese auszublenden, damit würde ich mich unwohl fühlen.

      Liebe Grüße
      Nima

  4. #vanlife witzig finde ich die facebook Gruppen – Vanlife Bochum, Vanlife Hamburg etc. Sollte das nicht eine große Community sein. Das Problem mit diesen vanlifern ist das sie dem fahrendem Volk durch schlechtes Benehmen vieles kaputt machen #digyourshit

    • Hey Guel,
      ich selber halte nichts davon, die einen zu den Guten und die anderen zu den Bösen zu machen. Es gibt unter allen Gruppierungen Deppen, ob nun Vanlifer oder fahrendes Volk 😉
      Liebe Grüße
      Nima

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