Zwei Jahre Busleben – eine Reise zu mir selber

Zwei Jahre Busleben – eine Reise zu mir selber

Zum ersten Mal seit vier Jahren sind Steve und ich für längere Zeit getrennt. Zwischen uns liegen knapp 400 km. Er ist im Schwabenland, ich bin im Rheinland. Nächste Woche sehen wir uns nach 12 Tagen getrennter Wege wieder und stoßen dann erst einmal an.
Worauf?
Darauf, dass wir vor zwei Jahren in den Bus gezogen sind!

Direkt danach brechen wir zu unserem dritten Trip auf. Nordspanien, Portugal und Marokko sind das Ziel. Die Vorfreude auf die nächste Reise und die Sehnsucht nach Steve und den Hunden vermischen sich gerade zu einem wilden Gefühlspotpourri.

Das Anstoßen muss noch warten

Wie alles anfing

Am 27. August 2015 haben wir den Wohnungsschlüssel abgegeben und sind in den Horst gezogen. Damals wussten wir noch nicht, wie sich unser Alltag gestalten würde und ob uns das dauerhafte Leben im Bus zusagt.
Zwei Jahre später sind wir schlauer und noch immer unterwegs. Wir haben nicht nur eine Menge erlebt, sondern auch viel gelernt – als Paar genauso wie als einzelne Personen.

Unsere erste Reise hat uns nach Spanien geführt.
Das war als Einstieg in unser Nomadenleben ideal, denn mit dem Land war ich durch meinen vorherigen längeren Aufenthalt schon vertraut. Trotzdem brauchten wir Zeit, um unseren Alltag und uns selber zu organisieren.

Alltag unterwegs

Nach Spanien stand Griechenland auf dem Plan, das komplett anders ist und uns total begeistert hat.
Nun sind wir zurück in Deutschland und ich merke deutlich, wie sehr ich mich verändert habe. Es geht nicht bloß um diese fünf Punkte, die ich hier schon einmal beschrieben habe.

Es ist etwas anderes, das sich in mir getan hat.
Das letzte Jahr war für mich ein intensiver Prozess, der durch zahlreiche Erlebnisse geprägt war. Das angenehmste Resultat ist, dass ich bei mir selber angekommen bin. Damit meine ich nicht, dass das Ende meiner persönlichen Entwicklung erreicht ist. Ich fühle mich einfach in mir zu Hause und kann mit meinen Bedürfnissen und Eigenheiten inzwischen gelassen umgehen.

Natur, Hunde, gutes Wetter – so liebe ich es.

Wieso wird mir das gerade in Deutschland so bewusst?
Im Vergleich zu unserem meist zurückgezogenen Leben habe ich hier viel häufiger Kontakte zu Freunden, Bekannten, Verwandten oder Fremden. Dadurch erfahre ich nicht nur etwas über die anderen, sondern auch über mich.

Mir fällt auf, dass ich ruhiger geworden bin.
Manchmal komme ich mir vor wie eine Schnecke, weil um mich herum alles so schnell ist. Und weißt du was? Ich fühle mich als Schnecke sauwohl!

Ich gehe langsamer, ich esse langsamer und ich rede langsamer. Und bei all dem fühle ich mich besser, da ich kleine Nuancen bewusster wahrnehme.

Immer wieder stelle ich mir diese Fragen: 

  • Wozu denn diese ganze Eile?
  • Was geschieht denn mit der vermeintlich gewonnenen Zeit?
  • Wo bleibt die Qualität jedes einzelnen Momentes?

Noch etwas hat sich im letzten Jahr verändert.
Ich habe kein Bedürfnis mehr, es anderen rechtzumachen. Wer es nicht mag, wie ich bin, muss seine Zeit nicht mit mir verbringen. Das gleiche gestehe ich mir auch zu.

  • Ich lasse mich von anderen nicht mehr unter Druck setzen oder zu Entscheidungen drängen.
  • Von Dummschwätzern, Jammerern oder Klugscheißern halte ich mich konsequent fern.

Mit der Zweisamkeit komme ich gut zurecht

Was bringt es mir, wenn jemand toll mit Worten umgehen kann, ihnen aber keine Taten folgen lässt?
Deshalb ziehe ich mich inzwischen aus vielen Diskussionen zurück. Sie rauben mir Energie und erscheinen mir oft sinnlos. Ich muss umgekehrt auch niemanden von dem überzeugen, was ich denke.

Und wenn ich schon beim Punkt „unterhalten“ bin, kommt auch das hier dazu: ich kann sehr gut mit Stille umgehen.
Manchmal entstehen in Gesprächen diese Momente, in denen keiner etwas sagt – Schweigen.

Was machst du dann: Suchst du schnell nach einem Thema und sei es das Wetter? Oder ist es dir möglich, dieses Schweigen einfach da sein zu lassen?

Ich habe kein Bedürfnis mehr danach, ständig reden zu müssen, somit stört mich das Schweigen nicht. Damit meine ich nicht nur die vertraute Stille, wie sie zwischen Freunden herrscht, sondern auch in Unterhaltungen mit Fremden.

Alleine zu sein, ist für mich kein Problem

Meine Vorliebe für Ruhe führt auch dazu, dass ich mich nach kurzer Zeit von Partys zurückziehe.
Ob ich deshalb als Spaßbremse, Partymuffel oder sonstwas eingestuft werden, geht mir am Hintern vorbei. Ich entscheide, was mir guttut und danach handele ich.

Steve ist im Party-Punkt das genaue Gegenteil von mir. Er bleibt grundsätzlich bis zum Schluss. Dass ich darauf keinen Bock habe, weiß er inzwischen. So feiert er bis in die Morgenstunden und ich genieße die Ruhe im Bus.

„Ich könnte so nicht leben“

Diese Aussage hören wir regelmäßig und weißt du was? Das ist auch gut so! Unsere Art zu leben, ist nicht besser oder schlechter als andere. Sie passt zu unserem aktuellen Lebensgefühl, aber das kann sich irgendwann auch mal ändern. Mir geht es nicht darum zu propagieren, dass alle in einen Bus ziehen und reisen sollen – Quatsch.

Entscheidend ist, die eigenen Wünsche und Werte zu entdecken und sich danach auszurichten. Natürlich bin ich begeistert von dem, was wir unterwegs erleben. Wir haben aber auch Tiefpunkte oder Probleme, wie jeder andere Mensch auch. Genau die möchte ich offen zeigen können, denn so ist das Leben.

Ja, meinen Fokus richte ich auf die positiven Seiten aus und auf das, was mich stärkt. Die negativen Aspekte und Gefühle gehören aber dazu. Diese wollen integriert, nicht abgelehnt werden.

Ich richte mich zur Sonne aus

Minimalismus – ich reduziere mich aufs Wesentliche

Wie passend, dass im Wort Minimalismus mein Vorname steckt.
Dabei geht es mir gar nicht darum, zu verzichten und möglichst wenig zu besitzen, sondern darum, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Im letzten Jahr habe ich mich geistig von einigen Vorstellungen und vermeintlich allgemeingültigen Regeln gelöst. Sei es, wie man einen Blog führt, ein Business aufbaut oder sich als Coach etabliert.

Zwar lese ich mir Informationen durch, hinterfrage sie aber und sehe sie nicht mehr als Grundgesetz an. Du wirst bei mir deshalb kein 10-Punkte Programm zum Glücklichsein finden und auch nicht den ultimativen Weg zum schnellen Reichtum.

Es gibt nicht den einen einzigen Weg

Scheiß auf die aktuell propagierte Morgenroutine und Studien, die besagen, dass zum Erfolg frühes Aufstehen dazugehört.
Mir ist es auch wurscht, wie die erfolgreichsten Blogüberschriften aller Zeiten formuliert werden oder die gesündeste Ernährungsform aussieht. Ich schaue nach links und rechts, hole mir Informationen und gehe dann meinen eigenen Weg. Dabei bin ich auch bereit, die Konsequenzen zu tragen.

  • Vielleicht könnte mein Blog erfolgreicher sein, wenn ich die tollen Überschriften beherzige?
    Ist mir egal, es wäre nicht authentisch.
  • Vielleicht wäre ich als Coach bereits berühmt und würde 10.000 Euro im Monat verdienen?
    Kann sein, aber die Strategien müssen zu mir und meiner Person passen. Ich bin kein Marktschreier und will auch keiner sein.

Vielleicht hört sich für dich manches von dem, was ich in diesem Beitrag schreibe, unspektakulär an. Für mich waren es noch einmal große Schritte zu mehr innerer Freiheit.

Ich bin angekommen und gehe weiter

Wenn ich weiß, was ich nicht bin, wer oder was bin ich dann? 
Auch das weiß ich inzwischen gut. Ich bin ein Mensch, der sich dem Abenteuer Leben stellt und nicht vor ihm wegläuft – nicht mehr und nicht weniger. Unsere Reise geht weiter, aber ich bin endlich angekommen.

13 Kommentare

  1. Wow Nima, das ist ein ganz besonderer, berührender Text. So offen,ehrlich authentisch – einfach grandios!
    Ich freue mich wirklich wahnsinnig über dein Ankommen und über deine Einstellungen. Eure Reise geht weiter und ich bin jetzt schon gespannt wie deine Rückschau in einem Jahr aussieht.

  2. Huhu Nima,

    ein weiteres Mal bin ich beeindruckt von deiner Selbstreflexion.
    Ich wünsche euch von Herzen weiterhin schöne Reisen und viele glückliche Stunden!

    Liebe Grüße

    nadja

  3. Hallo, ihr zwei. Super geschrieben. Ich lebe auch im Bus und kann vieles davon bestätigen.

    Weiterhin alles gute. Vielleicht sieht man sich ja mal. Wer weis. Euer Horst ist ja kaum zu übersehen. Liebe Grüße aus Österreich

  4. Hallo Nima,

    es ist so schön Menschen kennen zu lernen die sich so öffnen können und so authentisch über sich und die Welt reden können. Es macht mir sehr viel Freude wie Du dein Ankommen beschreibst, obwohl ich dich nur von Deinen Blogeinträgen kenne.
    Mach einfach weiter und gib uns genau das Gefühl das du in mir damit auslöst – Freude darüber das Leben zu leben.

    Grüße,
    Thomas

  5. Hey Nima, ich bin „zufällig“ auf deinen Blog gestoßen und freue mich, dass dein Blog genau so ist, wie er ist. Authentisch und offen. Mein Mann und ich sind erst am Anfang unserer möglichen Reise, das heißt wir haben überhaupt den Gedanken zugelassen, aus der bisherigen starren Wohnform auszusteigen und mobil zu leben. Ich arbeite auch als Coach und und spüre auch, wie wichtig es da ist, die eigene Form des Marketing zu finden. Deine Worte haben mich berührt und auch ermutigt, unsere Idee weiter umzusetzen. Ich wünsche euch weiterhin viel Freude und Lebensgenuss! Herzliche Grüße aus dem Schwabenländle 😊

    • Oh, wie spannend bei euch 🙂 Ich finde diese Anfangsphase, in der man sich neue Gedanken zulässt, total aufregend! Genauso interessant ist es zu sehen, was sich dann aus dieser Offenheit heraus alles entwickelt. Dabei wünsche ich euch ganz viel Spaß 🙂
      Das mit dem Marketing ist echt so eine Sache für sich. Wo ist der Mittelweg zwischen bewährten Wegen und der eigenen Person? Ich glaube, dass es dabei stark auf das Bauchgefühl ankommt. Und wir alle dürfen uns ja stetig weiterentwickeln, somit auch unser Marketing 🙂
      Ganz liebe Grüße, aktuell aus dem Rheinland

      Nima

  6. Super geschrieben!

  7. Hallöle 🙂
    Ganz toll wie du schreibst… von deinen Gefühlen… von allem…
    Ich bin eine ehem. Globetrotterin, die seit 7 Jahren „sesshaft“ ist… mit Hündin… aber nun langsam wieder flügge wird… und dieser Spruch „So könnte ich nicht leben!“, den höre ich auch ständig… ich bin selbständige Kunsthandwerkerin und das „Über“Leben ist meist nicht leicht… aber ich lasse mich nicht unterkriegen… und freue mich schon auf Portugal und Spanien… Ich hoffe wir sehen uns mal irgendwo … 🙂
    Lieben Gruß und weiterhin tolle Eindrücke und ganz viel Spaß … Micci with Fina 🙂
    … und ich lese weiter…

  8. Hallo Nima, super geschrieben. Ich war in Gedanken bei dir im Urlaub.

    Ich bin eher ein freiheitsliebender Mensch, der gerade keine Beziehung hat und lieber alleine reist.

    Dadurch bin ich nicht gezwungen, mich auf meinen Partner/in einzustellen, das geht dir auch genauso 😉

    Das beste ist das, was ich auch immer beachte und mich nicht ablenken lasse „Deshalb ziehe ich mich inzwischen aus vielen Diskussionen zurück. Sie rauben mir Energie und erscheinen mir oft sinnlos. Ich muss umgekehrt auch niemanden von dem überzeugen, was ich denke.“

    Das mache ich auch, weil es nichts bringt.

    LG Stephan

    • Hey Stephan,

      sich auf einen Partner einzustellen, ist mal einfacher, mal weniger einfach. Es gibt Tage, da gehen wir uns total auf den Geist und brauchen Abstand voneinander. Solche Prozesse zu durchlaufen und nicht sofort alles hinzuwerfen, kann anstrengend sein.Umso wichtiger ist es, dass jeder gut auf sich achtet und bemerkt, wo die persönlichen Grenzen liegen.

      Und sich von Energieräubern fernzuhalten, ist aus meiner Sicht immer sinnvoll 🙂
      Liebe Grüße
      Nima

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