Ein königlicher Klettersteig: Caminito del Rey

Ein königlicher Klettersteig: Caminito del Rey

Da ist er, der Caminito del Rey!
Noch habe ich ihn nicht betreten, sondern stehe an seinem Einstieg. Mit zittrigen Beinen vom Zustieg und mit Herzklopfen vor Aufregung bis zum Hals.

Der Einstieg in den Caminito del Rey

Der Einstieg in den Caminito del Rey

Wieso habe ich mich dazu überreden lassen, den berüchtigten Klettersteig zu gehen? Ich war mir doch so sicher, dass ich mir das mit meiner Höhenangst nicht antun möchte?

Vor wenigen Tagen sagte jemand zu mir „Du willst den Caminito nicht gehen? Der ist ein Muss!“
Darauf habe ich geantwortet: „Das kann sein, aber ich muss gar nichts“.

Muss, muss,….ich mag es nicht, Dinge zu müssen.
Irgendwie ist es einem Freund dann doch gelungen, mich zum Mitgehen zu bewegen. Jetzt stehe ich hier und blicke auf Eisenhalterungen, die aus dem Fels ragen.
Das kann ja lustig werden. Noch kann ich mich dagegen entscheiden, aber auf einmal keimt sie auf, meine Abenteuerlust.

„Irgendwie bekomme ich das schon hin. Ich habe schon ganz andere Sachen geschafft. Wenn es gar nicht mehr geht, drehen wir halt um“ spreche ich mir Mut zu.

Immer schön ruhig bleiben...

Immer schön ruhig bleiben…

Also gut, los geht`s!
Mit wackligen Beinen schleiche über die Eisenstangen, als wären es rohe Eier. Schritt für Schritt, ganz konzentriert und die Hände immer fest am Stahlseil. Unter mir geht es richtig tief runter. „Nach vorne schauen“ sage ich mir und richte den Blick auf das erste Etappenziel – fester Untergrund nach dem Eisenträger-Hürdenlauf!

Geschafft, jetzt erst einmal durchatmen und sammeln, denn die nächste Herausforderung steht direkt bevor.
Es geht ca. 20 m die Wand bergauf. Wenigstens gibt es Eisenbügel, die das Hochsteigen erleichtern. Anstrengend und aufregend bleibt es trotzdem.

Hoch geht`s

Hoch geht`s

Juchu, ich bin oben!
Das Adrenalin in meinen Adern reicht jetzt schon für die nächsten zehn Jahre, aber nun beginnt Caminito erst richtig. Er führt vorbei an steilen Wänden und durch zwei Schluchten, in denen es 200 m runter geht. Definitiv nichts für schwache Nerven! Der Caminito wird aus gutem Grund als gefährlichster Weg der Welt bezeichnet. Er liegt übrigens in El Chorro, einem kleinen Ort ca. 60 Kilometer nördlich von Málaga.

Wir machen uns also auf den Weg, den Königspfad zu erkunden.
Zwischendurch sieht er aus wie ein normaler, betonierter Weg. Dann stehe ich plötzlich vor einem großen Loch, weil an dieser Stelle die Betonplatten herausgebrochen sind. Ein mulmiges Gefühl begleitet mich, als ich über die übriggebliebenen Stahlträger gehe. An der Wand sind fast auf dem gesamten Weg Stahlseile befestigt, an denen man sich sichern kann – ohne die wäre es lebensgefährlich!

Zum Glück habe ich mir im Vorfeld keine Bilder vom Caminito angesehen, denn das, wovor ich jetzt stehe, verschlägt mir die Sprache: Ein ungefähr 3 m langer Stahlträger, unter dem es ordentlich nach unten geht. Als wäre das nicht schon herausfordernd genug, bläst genau an dieser Stelle ein heftiger Wind. Na klasse…

Was mache ich hier bloß?

Was mache ich hier bloß?

Drüben angekommen, muss ich vor lauter Erleichterung laut lachen.
Wieso tue ich mir so etwas bloß an? Ich könnte völlig relaxed an einem See liegen, aber nein, ich hole mir lieber den absoluten Adrenalin-Kick. Dabei fühle ich mich allerdings derart lebendig, dass es mir all die Aufregung wert ist. Später erzähle ich bestimmt lieber mal Geschichten über den Caminito del Rey als über ’nen Tag am See …

Nach diesem Stück geht es spannend weiter und die volle Konzentration bleibt gefragt.
Mal muss ich einen Absatz überwinden, mal das fehlende Stück Weg an der Wand entlang hangeln. Wir machen immer wieder Pausen, um den atemberaubenden Ausblick zu genießen.

Und das ist er wirklich: atemberaubend, beeindruckend und majestätisch!

Der Fels so groß, ich so klein

Der Fels so groß, ich so klein

Schneller als ich es erwartet habe, sind wir am Ende des Weges angelangt.
Zeit für eine Pause, in der wir die einzelnen Abschnitte noch einmal durchgehen und sie Revue passieren lassen. Der Hin- und Rückweg sind der gleiche, so dass ich zweimal in den Genuss der Strecke komme.

Dieses Mal weiß ich, was mich erwartet und bin etwas entspannter. Es bleibt genauso aufregend, aber ich kann mich mental darauf einstellen. Zum Schluss geht es noch einmal über die Eisenträger und dann bin ich ihn tatsächlich gegangen: den berühmten Caminito del Rey.

Ein verhaltenes Lächeln nach der Anspannung

Ein verhaltenes Lächeln nach der Anspannung

Ich bin stolz und glücklich – dieser Klettersteig war mein persönliches Meisterwerk in Bezug auf meine Höhenangst!

Jetzt haben wir uns ein kühles Getränk mehr als verdient und setzen uns in das Bahnhofscafé von El Chorro.
Hier kommen nachmittags viele Kletterer zusammen und lassen den Tag bei einem Bierchen ausklingen. Und wie es der Zufall will, treffe ich auf den Gast, der den Caminito als „Muss“ bezeichnet hat. Er ist völlig überrascht, dass ich ihn doch gegangen bin, wo ich mich doch so dagegen gesträubt habe?

Ich gestehe ein, dass ich meine Meinung geändert habe und letztendlich froh darüber bin. Dieser Klettersteig bietet alles, was das Abenteuerherz begehrt und dazu noch Ausblicke, die einem die Sprache verschlagen. Ob er ein Muss ist, darf dennoch jeder für sich selber entscheiden.

Vom Klettersteig zum Wanderweg – Neueröffnung

Am 28.März 2015 wird der Caminito del Rey nach umfassenden Restaurierungsarbeiten neu eröffnet.
Seinen Adrenalin-Charakter hat er definitiv verloren, aber immerhin ist die Aussicht weiterhin grandios.
Auf dieser Seite findet ihr alle Informationen, die ihr für den Besuch benötigt (Öffnungszeiten, Preise, Reservierungen, Strecke, etc.) www.caminitodelrey.info

Von April bis September 2015 ist der Eintritt übrigens kostenfrei, allerdings ist im Vorfeld eine Reservierung notwendig. Diese könnt ihr hier vornehmen.

Hier noch ein Video vom alten Caminito (2013 gedreht von Micha Hauser):

Bist du den Königspfad schon gegangen?
Dann berichte mir gerne in den Kommentaren von deinen Eindrücken!

ps. Für alle, die um meine Sicherheit besorgt sind:
Ich weiß, dass ich ein Klettersteig-Set hätte tragen sollen, habe es aber nicht und war somit leichtsinnig.
Also: Klettersteige bitte nur mit Klettersteig-Sets gehen.

31 Kommentare

  1. Hi Nima,

    vielen Dank für den tollen Erlebnisbericht! Richtig tolle Leistung mit klasse Aussicht und wackeligen Beinen 🙂

    Viele Grüße
    Benjamin

    • Hey Benjamin,
      lieben Dank für dein Feedback – ich freue mich, dass dir der Artikel gefällt!

      Sonnige Grüße
      Nima

    • Kleines Update zum Caminito: Ist jetzt ausgebaut zu einem Spazierweg. Landschaftlich noch immer toll, aber weder Abenteuer noch Nervenkitzel. Am Eingang werden Helme verteilt, Klettersteigausrüstung ist ansonsten nicht notwendig. Wie gesagt, eine Promenade!

  2. Kann es sein, das es wie ein Hochseilgarten ist? Man muss ja, so wie ich das auf den Bildern sehen ja nicht frei klettern. Man hat ja immer ne Sicherung drann und Möglichkeiten die Füße „abzustellen“ oder?

    • Hallo Doris,
      also mit einem Hochseilgarten direkt kann man es nicht vergleichen, aber es stimmt schon, dass man nicht frei klettern muss. Allerdings gibt es Abschnitte, in denen der Weg nicht vorhanden ist und man z.B. mal 3m an der Wand lang „gehen“ muss – natürlich gesichert.
      Aktuell wird der Camino restauriert und wie er danach aussehen wird, weiß ich leider nicht….
      Liebe Grüße
      Nima

  3. Oh je das wäre nix für mich, Respekt aber davor dass Ihr Euch das getraut hab
    Gruß Stefan

  4. Hi Nima,

    toller Bericht. Wir siind gestern beide Schluchten begangen. Gerade noch rechtzeitig, mittlerweile sind die ARbeiten schon fortgeschritten. Es ist einfach ein Wahnsinnsgefühl, den Pfad gemacht zu haben

    Gruß Björn

  5. Hallo Nima,

    das war ja ein aufregendes Unterfangen. Man hätte Dich vielleicht besser darauf hinweisen sollen, dass die Begehung des Caminitos verboten ist, aufgrund der Gefährlichkeit und der vielen Unfälle, die dort passiert sind. Aber Du hast es ja heile überstanden. Auf meinem Blog habe ich einen Artikel geschrieben über die die Renovierungsarbeiten, die aktuell im Gange sind: http://www.ab-nach-andalusien.de/malaga/die-restaurierung-des-caminito-del-rey

    Im Februar soll er fertig sein. dann brauch man auch keine Ausrüstung mehr um ihn zu begehen und kann sich voll auf die Einzigartigkeit der Schlucht konzentrieren. Dann wirst Du zu denen gehören, die sagen können „ich habe noch den alten, gefährlichen Caminito gekannt“ 🙂

    Liebe Grüße aus Málaga, Jürgen

    • Hola Jürgen,
      dank dir für deinen Link!
      Einzigartig ist die Schlucht auf jeden Fall. Meine Begehung war sogar „atemberaubend“, wenn auch in einem anderen Sinne 😉

      Sonnige Grüße
      Nima

  6. Nima!!!! Wie krass! Ich würd mich das nieeeee trauen!

    Und btw. was habt Ihr so lang mit den Wuffels gemacht?

    • Ich war selber auch überrascht, dass ich es gewagt habe 😉
      Die Hunde haben so lange in der Unterkunft gewartet. Ich habe einen Monat am El Chorro gejobbt und hatte daher den Luxus einer festen Behausung 😉

      Liebe Grüße
      Nima

  7. Wie krass!!! Ich bin diese Woche über Mischas Blog Adios Angst bei dir gelandet und habe gerade deinen Artikel über den Caminito del Rey gefunden. Echt Respekt! Mich erinnert das sehr an ein Wandererlebnis in Neuseeland, was nicht mal im Ansatz so herausfordernd war, aber bei meiner Höhenangst schon sehr ähnliche Gedanken hervorgerufen hat: Warum mache ich diesen Mist hier eigentlich…war das echt meine Idee :D? Aber das Gefühl des Stolzes danach ist schon was Feines, das konnte ich beim Lesen gerade gut nachfühlen 🙂

    • Hallo Annika,
      klasse, dass du dich auch auf sowas einlässt und es muss ja auch nicht gleich so eine harte Nummer wie der Camini del Rey sein. Hätte mich der Bekannte damals nicht mit Engelszungen bequatscht, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht. Aber jetzt bin ich froh darüber 🙂

      Ganz liebe Grüße
      Nima

  8. Seien Sie stolz, daß sie noch den alten Weg gehen konnten. Jetzt nach der Renovierung ist er ja völlig harmlos geworden und nicht mehr faszinierend. Aber ob ICH den alten Weg gegangen wäre, weiß ich nicht. Aber spannend war es auf jeden Fall.

    • Das stimmt, nach der Renovierung hat er seinen Abenteuer-Reiz verloren. Geblieben ist nur die faszinierende Landschaft…

  9. Tja, jahrelang habe ich mir Videos vom „alten“ Königspfad angesehen und dachte: „Das muss ich auch mal machen“. Das ist jetzt wohl Geschichte. 🙂

  10. Bei den Bildern fällt mir nur spontan ein: „Ach du Scheiße …“ 🙂

    Ich ziehe den Hut, das ist wirklich ne krasse Nummer. Da kannst du echt stolz sein. Aber mich bringst du nicht mal auf die „harmlose“ Variante.

    LG

    • „Ach du Scheiße“ habe ich auch gedacht … und das mit der harmlosen Variante sehen wir, wenn du uns dort mal besuchst 🙂

  11. Hey Nima, sehr cooler Blog!

    War vor ein paar Jahren zum Klettern in El Chorro und fand den Camino supergeil aber auch extrem gruselig (ey, die bekloppten Spanier haben damals die Abschnitte zwischen den Stahlträgern HORINZONTAL GEMAUERT. Kein Wunder das Ding Löcher hatte)

    Bin kein Maurer, sondern auch son IT-Frickler.
    Funktioniert das bei euch mit dem DigitalNomad-Konzept?


    Egal, das geilste Video vom alten Camino is übrigens dies hier:
    (Sound aufdrehen, was Horsts Autobatterien hergeben)
    https://www.youtube.com/watch?v=y1Nd1qtk1Go
    😉

    • Ja, bei dem Video werden Erinnerungen wach- Danke für den Link 😉
      Wie das bei uns mit dem Nomadentum funktioniert, sehen wir ab Herbst, dann geht es richtig los!
      Aber ich glaube daran, dass etwas auch klappt, wenn man es wirklich möchte 🙂

      Lieben Dank für deinen Kommentar,
      Nima

  12. Liebe Nima,
    mir ist beim Lesen richtig schlecht geworden…und es hat mich trotzdem nicht losgelassen! Also nicht, weil du etwa schlecht schreiben würdest – ganz im Gegenteil, ich hab mich da mit meiner (echten) Höhenangst jeden Schritt setzen sehen bei jedem deiner Worte.
    Alle Achtung für deinen Mut – aber wenn du Höhenangst hast…was habe denn dann ich?

    Toller Bericht!

    Liebe Grüße von dem beschaulichen Inselchen Teneriffa
    Claus

    • Hola Claus,
      na, dann bin ich ja beruhigt, dass deine Übelkeit nicht mit meinem Schreibstil zusammenhängt 😉
      Bei dem Caminito blieb mir, als ich ihn dann mal betreten habe, gar nicht mehr viel Zeit für Höhenangst – da musste ich mich auf ganz andere Sachen konzentrieren …
      Ganz liebe Grüße nach Teneriffa, lass es dir gutgehen
      Nima

  13. Hallo,
    KANN MAN DEN ALTEN Caminito del Rey NOCH WEITERHIN BEGEHEN?
    WER WEIß HIER NÄHERES?

    Als begeisterter Klettersteig-Geher habe ich diesen Steig soeben im Fernsehen gesehen. Und die Neueröffnung des einfachen Weges.
    Der alte Weg ist auf Via-Ferrata.de als Kat. B eingestuft (sonst gehe ich normalerweise Kat D und E). Trotzdem finde ich diesen alten Weg sehr faszinierend.
    Ich habe 3 Fragen hierzu:
    Kann man den alten Pfad weiterhin gehen, der ja eine durchgehende Seilsicherung hat?
    Wurde der neue Pfad weiter oben oder an die gleiche Stelle gebaut?
    Warum war das Begehen verboten? Oder war dies vor Anbringen der Seilsicherung (alte Version)?
    VG
    Grundig

    • Hallo,
      den alten Weg darf man nicht mehr begehen. Im Grunde war es vorher schon verboten, aber das haben viele halt ignoriert.
      Die Seilsicherung hatte er auch schon vor dem Bauen des neuen Wegs. Der alte Weg ist so marode und es sind so viele Unfälle passiert, dass deshalb der neue Weg (oberhalb des alten) gebaut wurde.

      Eine Klettersteig-Erfahrung bietet der neue Weg nicht mehr, aber zumindest noch den gleichen wunderschönen Ausblick.

      Herzliche Grüße
      Nima

  14. Ein sehr interessanter Bericht. Ich wohne hier ganz in der Nähe und werde mir den Caminito del Rey demnächst ganz bestimmt „einmal aus der Nähe ansehen“- allerdings bin ich froh, dass man ihn auch recht gefahrlos besuchen kann, denn ungesichert in der Höhe zu wandern, wäre nun nicht so mein Fall.

    • Dann wünsche ich dir viel Spaß und vielleicht magst du ja im Anschluss hier mal schreiben, wie es dir gefallen hat?
      Würde mich – und bestimmt auch viele andere – sehr interessieren.

      Liebe Grüße
      Nima

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